Rückzug & Einsatz

Vor 40 Jahren machten SchweizerInnen im Wallis oder im Appenzellerland Ferien. Vor 20 Jahren ging es nach Rimini. Heute schaffen sie es nach Thailand, Marokko oder Kanada. Sind sie jetzt glücklicher? Die SchweizerInnen haben heute mehr Wohnraum, legen in ihrem Leben mehr Kilometer zurück und besitzen mehr elektronische Geräte als je zuvor. Ist das deswegen ein besseres Leben?

Wie leben als spirituelle Wesen auf der Erde in einer Einheit mit der Erde und allem Leben auf dieser Erde, umfasst von der Allgegenwart Gottes in Allem. So leben wir einen Lebenstil der Einfachheit, der Raum schenkt für höhere Gedanken. Alles schenkt man Gott als ein Opfer der Dankbarkeit und Liebe. Spirituelle Werte sollen im täglichen Leben umgesetzt werden. Wir sind Teile, Mitglieder einer globalen Gemeinschaft, die für das Wohl von jedem Wesen verfügbar sind.

Die Problemlösungen, die die erste Welt anbietet, sind nicht universalisierbar, da es schlicht nicht möglich ist, dass die Dritte Welt nur annähernd so lebt, wie die erste Welt, weil dazu die natürlichen Ressourcen fehlen und weil es zudem zu einem ökologischen Kollaps führen würde. Nur eine Weltzivilisation, die universalisierbar ist, kann annehmbar sein. Es ist eine Weltzivilisation der Einfachheit, der heiligen Armut, eine Zivilisation der geteilten Genügsamkeit. Das sind Werte, die im Ashram eingeübt werden.

Das muss natürlich Lebensstil und Konsum bei uns in Frage stellen.

Es muss doch mehr als alles geben. Ashram ist der Raum, an dem diese Frage in einem wirken darf.

Vertrauen auf Gott und tätiger Einsatz für die Gerechtigkeit gehören zusammen. Im Ashram leben wir auf eine Weise und möchten dies gleichzeitig wieder in die Welt ausstrahlen. Es ist die Verbindung von Mystik und Politik.

Lebenszeit ist wertvoll, weil sie begrenzt ist, weil wir sterben werden.

Das Heilige soll den Kopf heben aus dem überbeschäftigten Alltag, um das eigene Leben als Ganzes in den Blick zu nehmen, um zu unterbrechen. Den Kopf zu heben, um zugleich über den engeren Horizont hinaus zu blicken – hier trifft sich Religion und Widerstand.

 

„Wer nicht für die Juden schreit, soll auch nicht gregorianisch singen“ sagte der von den Faschisten ermordete reformierte Theologe Dietrich Bonhoeffer.

 

Als Oskar Romero von einem deutschen Journalisten geftagt wurde, was denn Europa für El Salvador tun könne, sprach er nicht von Entwicklungshilfe oder internationalen Handelsbeziehungen, sondern von der Grundvoraussetzung für Solidarität: „vergesst nicht, dass wir Menschen sind.“

Es ist ein kategorischer Imperativ des Glaubens, immer wieder die Augen zu öffnen. Der Weg nach innen ist eine Schule des Sehens, eine Überwindung unserer eingeborenen Gleichgültigkeit aufgrund der Selbstbezogenheit, unserer kreatürlichen Narzissmen, unserer elementaren Angst vor dem genauen Hinsehen, vor jenem Hinsehen, das uns ins Gesehene unentrinnbar involviert.

 

Der spirituelle Pfad bedeutet, dass am Selbstinteresse gerührt werden muss.

 

Eine Zivilisation der Liebe, die keine Gerechtigkeit von den Menschen fordern würde, wäre keine wirkliche Zivilisation. Es handelt sich um eine Karikatur der Liebe, wenn man mit Almosen abdecken will, was man aus Gründen der Gerechtigkeit schuldig ist. Es ist nur Flickschusterei unter dem Anschein von Wohltätigkeit, während man in der ethischen Gerechtigkeit versagt. Spirituelle Bekehrung muss auch die sozialen Mechanismen aufdecken, die die Armen und Benachteiligten marginalisieren. Solange man noch beteiligt ist, ist man Komplize des herrschenden Systems, das Not erzeugt.

Wenn die Auseinandersetzung mit dem Heiligen nur jenseitige Erlösung verkündet, wird sie zwar von der Welt geachtet und mit Privilegien überschüttet, aber wenn sie auf das System hinweist, die viele ins Elend stürzt, wenn sie Widerstand zur Ungerechtigkeit leistet, wird sie verfolgt und verleumdet. Das ist der Preis der Wahrheit.

 

 

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