Ashram-Leben

«Bruch mit dem Bestehenden … Auszug auf den heiligen Berg» Mit diesen Worten warb der Pazifist und Anarchist Erich Mühsam zu Beginn des 20. Jahrhunderts für den Monte Verita. 

 

Das Leben in einem Ashram ist für Menschen geeignet, welche sich freudvoll dem Leben stellen möchten.

Es gibt viele Menschen, die ihren geistlichen Weg nicht deshalb erwählt haben, weil sie die Lebensfreude suchten, sondern weil sie versucht haben, aus dem Leben herauszuflüchten. Wer ein Ashramleben aufsucht, um in der Gemeinschaft einen bequemeren Lebensweg zu suchen, wird hier kaum auf das Heilige stossen. Nur wer die ungeheure Herausforderung nicht nur erwartet und nach ihr sucht, sondern nach ihr fleht, wird Gottesnähe erfahren.

Wenn ein lebensverneinender Mensch einer spirituellen Gemeinschaft beitritt, wird er seine Lebens-Skepsis noch spirituell legitimieren. Seine Unwilligkeit zur Lebendigkeit wird dann als Sehnsucht nach Weltabkehr gerechtfertigt und seine Trägheit als Einkehr.

 

Es gibt Menschen, die ihre Blutsfamilie, ihren vertrauten Platz, verlassen, um sich einer spirituellen Gemeinschaft anzuschliessen. Das Motiv dazu ist oft nicht, sich der vollständigen Ungewissheit von Krishnas heiliger Führung anzuvertrauen, sondern man tut da eben nichts anderes, als den unerfüllten Wunsch nach Sicherheit in der Herde von der Blutsfamilie auf eine andere Gemeinschaft verlagern. Obwohl es nach einem grosen Schritt des inneren Lebens ausschaut, ist darin noch keinerlei Entwicklung geschehen.
Weltliche Denkstrukturen, die man in die spirituelle Dimension überträgt, sind dort einfach noch schwieriger erkenn und eruierbar, da sie mit heiligen Legitimierungen verteidigt werden.

 

Wenn jemand nur euphorisch schwärmend über spirituelle Erfahrungen berichtet, hören wir diese an und nehmen sie ernst. Aber wir fragen auch nach dem konkreten Leben. „Wann stehst du denn auf jeden Tag, auch wenn du keinerlei äussere Verpflichtungen hast? Wie sieht denn deine Alltagspraxis aus? Wie viel Freude macht dir deine Arbeit? Wie studierst du? Wie sind deine Beziehungen zu Mitmenschen?“

Wir betonen dann das konkrete irdische Leben, um zu schauen, inwiefern man die Praxis in den Alltag integriert hat.

Denn ohne diesen integrativen Ansatz wäre die Spiritualität nur eine Flucht vor dem Alltag und ein narzisstisches Kreisen um sich selbst.

Man kann Gott und den inneren Weg auch als Droge missbrauchen, als einen Umgehungspfad vor Herausforderungen. Dann wird der Weg der Selbstverwirklichung einen Weg der Selbstumgehung.

Wenn man zu idealisiert an den inneren Weg herangeht, wird man alles, was dem Idealbild gerade nicht entspricht, ausstossen und verdrängen wollen.
Diese unterdrückten Schattenbereiche tauchen jedoch mit der Zeit im eigenen Leben wieder auf und man wird sie in andere Menschen hineinprojizieren. Das erklärt diese erstaunlich schnelle Bereitschaft in spirituellen Kreisen, andere Menschen zu bekämpfen und zu verurteilen.

Es gibt im Menschen speziell zwei Grundkräfte, die dem Ideal, das man von sich selbst gemacht hat, widersprechen. Deshalb versucht man mit grossem Kraftaufwand, diese zu verdrängen. Es handelt sich um wichtige Lebensenergien: um die Aggression und die Sexualität. Das Problem dabei ist, dass wir zur Verdrängung oder Unterdrückung dieser mächtigen Kräfte unsere Lebensenergie verbrauchen, wobei dann meist nur noch ein kleines Lebensrinnsal übrig bleibt.

Diese Widerlebendigkeit trifft man oft in Menschen an, die sich in Ashrams und klösterlichen Lebensgemeinschaften niedergelassen haben.

Das grundlegende Missverständnis dabei ist, dass man diese Kräfte als bedrohlich, und nicht mehr als Quelle der Spiritualität und des Gottes-Zuganges betrachtet.

Der Sexualität liegt immer die Sehnsucht nach Gottesliebe zugrunde und der Aggression die Sehnsucht zur Hingabe. Die reife Form der Spiritualität lehrt, diese Impulse zu Ende zu denken.